Eher ernüchternd präsentierte sich Wellington bisher. Zwar haben wir glücklicherweise ein preiswertes Zimmer in einem Studentenwohnheim mitten in der Stadt gefunden, aber mit Arbeit sieht es sehr mau aus. Seit drei Tagen verteilen wir fleißig unsere Lebensläufe. In Restaurants, Bars, Cafés, Kinos, Bäckereien, Supermärkten, Bücherläden, Hotels. Wir würden alles machen. Hinter der Bar arbeiten, in der Küche helfen, abwaschen, kellnern, sauber machen, Kinotickets oder Bücher verkaufen, Popcorn eintüten, Regale einräumen, an der Kasse stehen. Wer im Übrigen denkt, dass man einfach so Kaffee machen kann, liegt daneben. Wir wurden bereits mehrfach in Cafés gefragt, ob wir an der Kaffeemaschine Erfahrung haben. Ansonsten läuft da nämlich gar nichts. Hier wird so getan, als sei Kaffeemachen eine der schwierigsten Dinge überhaupt. Wahrscheinlich muss man hier erstmal eine Abendschule besuchen und eine Ausbildung zum staatlich anerkannten Kaffeemaschinisten durchlaufen, bevor man auf diese teuflischen Geräte losgelassen wird. Auch sonst kommt man ohne große Erfahrung im Gastronomie-Bereich nicht weit. Dass wir nur für etwa fünf Wochen etwas suchen, müssen wir verschweigen, da die Chancen dann noch weiter sinken. Es schlaucht beträchtlich einen Tag nach dem anderen durch die Straßen zu ziehen und alle potentiellen Arbeitsstellen abzuklappern, ohne dass bisher bei einem von uns etwas Nennenswertes rausgekommen wäre. Wahrscheinlich sollten wir die nächsten Tage erstmal abwarten, ob sich der eine oder andere auf die Arbeitsanfragen meldet. Dass wir alle an einem Ort etwas finden, ist so gut wie unmöglich, das ist uns bewusst. Morgen können wir eventuell alle Drei in einer Bar probeareiten. Fruszi an der Bar und Simon und ich würden Tische abräumen und die Bar mit frischen Gläsern und Getränken versorgen. Achja, und wenn jemand die Kloschüssel umarmt oder vielmehr dies eben nicht mehr schafft, ist deren Beseitigung dann auch unsere Aufgabe. Für 20 Dollar extra. Ja, wir sind verzweifelt und würden das dann morgen glatt auch machen, wenn wir es angeboten bekommen. Sicher ist das aber auch mitnichten. Es wird sich morgen im Laufe des Tages bei uns gemeldet. Von vielen Seiten hört man, dass die Arbeitslage gerade sehr ungünstig ist und eine Verbesserung wohl erst in ein paar Wochen eintreten wird, wenn mehr Touristen kommen. Im Nachhinein wäre es wahrscheinlich besser gewesen, nicht auf die Hauptstadt zu setzen, was das Arbeiten angeht, sondern eher in de Obstplantagen anzufragen, um dort etwas Fruchtiges von den Bäumen oder Sträuchern zu holen. Wenn sich hier nächste Woche arbeitsmäßig nichts tut, werden wir wohl auch keine andere Wahl haben, als weiterzuziehen und uns aufs Pflücken zu stürzen. Diese Ungewissheit, wie genau es weitergeht, mag ich gar nicht. Ich hab immer gerne einen Plan, bei dem ich weiß, wie was ungefähr ablaufen wird. Das geht hier nicht, ich muss lernen die Dinge laufen zu lassen und abzuwarten, was kommt. Ich werd mich darin üben. Wenn’s Wellington nicht, dann ist es irgendetwas anderes. Außerdem steht meine Reise glücklicherweise auch nicht auf dem Spiel, wenn ich jetzt keine Arbeit finde. Von der Seite her kann ich es eigentlich ganz entspannt angehen. Es heißt also, die kommende Woche abwarten und dann weitersehen.
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